KANTORÓWKA Wielopole

TANGO WIELOPOLE

05. April 2025

Als kurz nach Tango Osobiste (link Cricoteka-Präsentation) seitens der Kantorówka, einem Regionalmuseum und Tadeusz Kantor gewidmeten Dokumentationszentrum (https://kantorowka.eu), die Einladung für eine Tango Performance in Wielopole Skrzyńskie ausgesprochen wurde, war sofort klar: Das muss Wielopole, Wielopole (1981) sein! Tadeusz Kantor wurde in Wielopole geboren und ist dort im Hause seines Onkels, des Dorfpfarrers, aufgewachsen, der ihm, als der Mann seiner Mutter aus dem Ersten Weltkrieg nicht mehr zurückkehrte, auch zum Vater wurde. (Heute beherbergt das Gebäude die Kantorówka.) Wielopole, Wielopole ist gewissermaßen das persönlichste Stück Kantors: Es verbindet seine eigene Biografie, die Geschichte des Ersten und Zweiten Weltkriegs und die Schoah sowie die biblische Passionserzählung in Form eines individuellen und kollektiven Sich-Erinnerns an Räume, Situationen und Gesänge, die auf der Bühne bruchstückhaft und je wieder neu angeordnet werden und sich zu einer rund 90-minütigen Collage verdichten.

Wielopole Skrzyńskie ist eine rund 8.000 Einwohner zählende Gemeinde im äußersten Südosten Polens, rund 100 km vor der Grenze zur Ukraine gelegen. Vor der Naziherrschaft bestand sie zu je ca. 50 % aus Christen und Juden; von den Juden sind seitdem nur noch Gedenktafeln geblieben. Aus kommunistischer Zeit stammt das Dom Kultury, ein vielfältig genutztes Kulturzentrum inmitten des Ortes, schräg gegenüber der Kirche. Es war naheliegend, diesen Ort für die Inszenierung von Tango Wielopole zu wählen, verfügt er doch über einen ausreichend großen Saal mit der Möglichkeit zur großformatigen Projektion der Videoaufzeichnung von Wielopole, Wielopole (in der Fassung von TVP Kraków 1984, https://www.youtube.com/watch?v=8wsAfotRhbc ) und eine hochwertige Soundanlage.

Die Feierlichkeiten rund um den 110. Geburtstag Tadeusz Kantors (* 6. April 1915) boten den Anlass für die Premiere des Stücks: Die erste künstlerische Antwort auf Wielopole, Wielopole besteht in der Auswahl und Integration von Tango-Musik in das Theaterwerk, wie es in der Dokumentation von 1984 vorliegt. Leisch-Kiesl/Leisch wählten schließlich neun Titel und ließen diese in präzise gesetzten Schnitten in rhythmischer Folge die originale Tonspur unterbrechen. Die zweite künstlerische Antwort ist der Tanz vor Ort. Alle folgen der 90-minütigen Vorführung von Wielopole, Wielopole, doch neun Mal, sobald die Tangomusik einsetzt, tanzt das Paar auf dem Parkett, vor der Leinwand, zwischen Kantor und Publikum, und verbindet den Inhalt der Szenen, die Kraft und Nuancen des Tango und die Spannung im Raum zu einem neuen Ganzen.

Namhafte Persönlichkeiten sowohl aus der Familie Kantors als auch von Cricot 2 waren bei der Premiere anwesend. Sie waren nach der Vorführung auch für kurze Interviews bereit, was nochmals eine besondere Nähe zwischen zwei Gegenwarten, jener von heute und jener von damals, schuf. (link: Doku)